Macht, Kritik, Selbstwahrnehmung

Dienstag, 02.09.2014, 18:45 · von FOCUS-Online-Autor Sascha-Pascal Schimmel

 

"Ich bin der Beste": Diese elf Fehler machen Chefs am häufigsten

Sie sind die größten und wissen alles. Das denken zumindest viele Chefs von sich selbst. Damit sorgen sie für Frust, Resignation und wenig Motivation bei den Mitarbeitern. Das sind die größten Fehler der Chefs.

Ist Ihr Chef ein richtiges Ekel? Seien Sie beruhigt: Es geht nicht nur Ihnen so. FOCUS Online hat Coaches von Führungskräften und Führungsexperten gefragt, wie es sich Chefs mit ihren Mitarbeitern verderben. Das sind die häufigsten Fehler von Vorgesetzten beim Umgang mit ihrem Personal.

1. Mangelnde Wertschätzung

„Mitarbeiter wünschen sich seit Jahrzehnten am meist Lob, Anerkennung und Bestätigung“, sagt Führungskräfte-Coach Lothar Seiwert. Von den Chefs komme diesbezüglich aber häufig wenig. „Die wissen zwar, wie wichtig das ihren Mitarbeitern ist, fragen sich aber ‚Und wer lobt mich?‘".

Für Führungs-Experte Ralf Gasche ist klar: „Vorgesetzte sollten genauer hinsehen, welche tollen Leistungen das Personal bringt und dann auch mal sagen ‚Klasse gemacht!‘. Für viele Mitarbeiter sei das mehr wert als Geld.

2. „Ich bin der Beste“

„Einige Chefs glauben, sie seien die besseren Sachbearbeiter oder müssten es zumindest sein“, sagt Ralf Gasche. Der Sachbearbeiter denke sich dann „Mensch Chef, das ist mein Job“. Die Folge: Das Vertrauen sinkt, der Frust beim Mitarbeiter steigt, die Zufriedenheit mit der Arbeit nimmt ab.

3. Mitarbeiter-Ideen zertrampeln

Mitarbeiter kostet es häufig genug Überwindung, eine Idee dem Chef vorzustellen. Diese Ideen würden dann auch noch häufig zertrampelt, sagt Führungskräfte-Coach Peter Holzer. Denn Chefs kommentieren die Vorschläge häufig wie folgt: „Sehr gut. Und am besten ergänzen sie noch dieses und jenes.“

„Das sorgt meistens nicht einmal für fünf Prozent Verbesserung", sagt Holzer. „Dafür reduziert 'dieses und jenes' die Begeisterung des Mitarbeiters um 50 Prozent. Denn er kam mit seiner Idee zum Chef und geht mit einer fremden zurück ins Büro.“

4. Anderen zeigen, wie schlau man ist

„Chefs, die sich permanent vor anderen selbst beweihräuchern, gewinnen keinen hohen Status“, sagt Peter Holzer. „Außerdem beliebt: Macht missbrauchen, um andere klein zu halten“. So könne man als Chef zwar größer wirken, verliere jedoch die Motivation im Team.

Auch Ralf Gasche kennt solche Führungskräfte. „Diese würden es nicht zulassen, dass ein Mitarbeiter besser als sie selbst ist“, sagt er. „Es handelt sich um Vorgesetzte, die Angst um ihre Position haben.“

5. Kritik vor den Kollegen

Jeder weiß, dass man Fehlverhalten kritisieren soll, nicht aber eine Person generell. „Dennoch kritisieren Chefs Mitarbeiter häufig persönlich und das auch noch vor den Kollegen“, sagt Führungskräfte-Coach Lothar Seiwert. Kritik solle jedoch unter vier Augen ausgesprochen werden.

Auf der anderen Seite gibt es Chefs, die zu seicht sind. „Sie packen Kritik so in Watte, dass sie als solche nicht mehr erkannt wird“, sagt Ralf Gasche.

6. Chefs denken nicht über sich nach

Viele Vorgesetzte wüssten gar nicht, wie sie auf andere wirken und was sie mit ihrer Art auslösen, sagt Ralf Gasche. „Sie reflektieren nicht sich selbst.“ Dieses Verhalten hat auch der Führungskräfte-Coach Peter Holzer beobachtet. „Wir erleben immer wieder Führungskräfte, die sagen ‚Ich bin so, wie ich bin. Damit müssen die anderen klarkommen‘.“

Aus Sicht der Arbeitnehmer führe das zu Frust, Resignation oder gar Angst vor dem Chef. „Hilfreicher ist es, wenn man sich als Führungskraft öffnet, um Feedback zu bekommen“, sagt Holzer.

7. Angst vor unangenehmen Entscheidungen

Viele Chefs würden sich vor unangenehmen Entscheidungen drücken, sagt Führungs-Experte Gasche. Zum Beispiel vor einem Kritikgespräch oder der Mitteilung einer Versetzung. „Das passiert, wenn Vorgesetzte nicht wissen, was sie erreichen wollen“, sagt Gasche.

8. Kontrollwahn der Vorgesetzten

Führungskräften fehlt es häufig am Gespür dafür, wann Kontrolle angebracht und wann unnötig ist. „Kontrolliere ich einen guten und selbstständigen Mitarbeiter zu oft, wirkt das wie Bevormundung“, sagt Führungs-Experte Gasche. „Kontrolliere ich einen schwächeren zu selten, schadet das jedoch unter Umständen der Qualität meiner Produkte und Dienstleistungen.“

Ganz ohne Kontrolle gehe es nicht, sagt Gasche. „Dann bleiben Chefs Fähigkeiten der Kollegen verborgen.“ Führungskräfte-Coach Seiwert ist jedoch der Meinung, dass viele Vorgesetzte einem Kontrollwahn unterliegen. „Sie haben das Gefühl, die Mitarbeiter immer sehen zu müssen“, sagt er. „Sie glauben, nur wenn sie diese arbeiten sehen, leisten sie wirklich etwas.“

Heute sei jedoch weniger Kontrolle angesagt, sagt Seiwert. „In einer Wissensgesellschaft müssen Arbeitnehmer zunehmend seltener vor Ort sein, um zu arbeiten.“ Außerdem kämen klassische Führungsmethoden bei der jüngeren Generation nicht an.

9. Mangelnde Zuverlässigkeit

Dinge versprechen und sie nicht halten. Etwas fordern, zum Beispiel Pünktlichkeit, es selbst aber lockerer angehen. Für viele Chefs ist das selbstverständlich – für die Mitarbeiter aber extrem ärgerlich. „Sie werden ihren Vorgesetzten irgendwann nicht mehr ernstnehmen“ sagt Führungs-Experte Gasche.

10. Einfach unberechenbar

Führungskräften geht häufig die klare Linie ab. Mal sind sie knallhart, schlecht drauf und dann wieder der Kumpeltyp. „Mitarbeiter müssen sich aber auf ihren Chef einstellen können“, sagt Gasche. „Nur dann wissen sie, was dieser wirklich fordert und können ihre Arbeit daran ausrichten.

11. Schlichtweg UNbegeisternd

Was ist Menschen wichtig? Dass ihr Leben und ihre Arbeit einen Sinn ergeben. „Viele Unternehmen sind jedoch sinnleer“, sagt Führungskräfte-Coach Peter Holzer. „Gute Chefs füllen diese Lücke – sie kommunizieren einen Horizont, wo die Reise hingeht.“

Und Lothar Seiwert sagt: „Mitarbeiter wollen wissen, warum ihre Tätigkeit wichtig ist, was das Ziel ihrer Arbeit ist.“ Chefs müssten eine Vision vermitteln. Das gelinge jedoch vielen nicht.

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